Was Hirtentum und Rewilding verbindet

NWL-Perspektive zum internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums

Hirtentum und das sogenannte „Rewilding“ (wörtlich übersetzt: Wiederverwilderung; https://rewildingeurope.com/blog/making-nature-work-again-an-interview-with-jens-christian-svenning/) werden häufig als Gegensätze diskutiert. Auf der einen Seite stehen Verfechter traditioneller Weidesysteme, auf der anderen Seite Akteure des Rewilding. In einer Diskussion innerhalb der Biodiversity Working Group des International Year of Rangelands and Pastoralists (IYRP) wurde deutlich, wie emotional die Debatte teils geführt wird und wie stark sie von Missverständnissen, unklaren Begriffen und ideologischen Zuschreibungen geprägt sein kann. Der folgende Beitrag ist aus dieser Debatte entstanden.

Begriffliche Einordnung

Beide Konzepte werden oft verkürzt dargestellt. Zunächst bedarf es daher begrifflicher Klarheit. Rangelands, also Weidelandschaften im weiteren Sinne, sind aus ökologischer Sicht Lebensräume, deren Struktur, Dynamik und Artenvielfalt maßgeblich durch große Pflanzenfresser geprägt werden. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob es sich um ob es sich um Wildtiere, Nutztiere oder wiederangesiedelte Populationen handelt.

Der Begriff „Hirtentum“ beschreibt eine auf Weidetierhaltung basierende Existenzgrundlage und ist mehr oder weniger auf die Erhaltung eines Status-quo ausgerichtet.

Die Naturschutzstrategien des „Rewilding“ und der ökologischen Restauration verfolgen beide die Wiederherstellung anthropogen beeinträchtigter Ökosysteme. Während die ökologische Restauration bzw. der im Deutschen häufig verwendete Begriff der „Renaturierung“ auf die Wiederherstellung eines historisch definierten Referenzzustands ausgerichtet ist, fokussiert Rewilding stärker auf die Wiederherstellung natürlicher Prozesse, ökologischer Dynamiken und trophischer Wechselwirkungen und ist nicht an einen festgelegten Zielzustand gebunden. Rewilding setzt stärker auf Selbstorganisation von Ökosystemen, während die ökologische Restauration stärker durch aktive Managementmaßnahmen gesteuert wird. Allerdings sind die Grenzen zwischen beiden Ansätzen fließend (https://doi.org/10.1111/brv.13046).

Aus dieser Perspektive beschäftigen sich Hirten ebenso wie Rewilding-Praktiker mit demselben ökologischen Schlüsselphänomen: Große Pflanzenfresser weiden bzw. beweiden Flächen und konsumieren dabei Vegetation, wodurch sie Lebensräume strukturieren, ökologische Dynamik erzeugen und Biodiversität, Stoffkreisläufe und sogar Prozesse des Erdsystems beeinflussen. Diese fundamentalen Zusammenhänge werden zunehmend durch wissenschaftliche Studien belegt (https://doi.org/10.1111/ecog.05703; https://doi.org/10.1016/j.cub.2023.04.024; https://doi.org/10.1038/s41559-023-02317-0; https://doi.org/10.1038/s41559-024-02327-6).

Große Pflanzenfresser als gemeinsamer Nenner

Von wilden Großherbivoren beweidete Savanne in Botswana (Foto: Jan Haft, Nautilusfilm)

Von wilden Großherbivoren beweidete Savanne in Botswana (Foto: Jan Haft, Nautilusfilm)

Für beide Konzepte ist eine zentrale Erkenntnis, dass die ökologischen Wirkungen großer Pflanzenfresser weniger davon abhängen, ob die Tiere wild oder domestiziert sind, sondern vielmehr davon, um welche Arten es sich handelt bzw. deren funktionelle Eigenschaften, wie vielfältig die eingesetzte Herbivorengemeinschaft ist, wann, wo, wie und unter welchen lokalen Umweltbedingungen Beweidung stattfindet, d. h. wie das Management gestaltet wird. Internationale Studien zeigen zunehmend, dass verschiedene Pflanzenfresser unterschiedliche ökologische Wirkungen erzielen und dass insbesondere Körpergröße, Maulbreite und Ernährungsweise maßgeblich bestimmen, wie die Tiere Vegetation und Strukturen nutzen und beeinflussen (https://doi.org/10.1038/s41597-020-00788-5; https://www.science.org/doi/10.1126/science.adh2616).

Grundsätzlich erzeugen artenreiche Gemeinschaften von Weidegängern eine größere strukturelle Vielfalt. Gleichzeitig beeinflussen sich unterschiedliche große und unterschiedlich fressende Arten gegenseitig. Als Beispiel sei auf Mitteleuropa verwiesen, wo hohe Dichten kleiner, selektiv fressender Herbivoren wie Rehe zu negativen ökologischen Effekten führen können (https://doi.org/10.1016/j.tfp.2025.101093) – was allerdings zumindest teilweise eine Folge des Verlustes größerer Pflanzenfresser und von Prädatoren im System sein könnte. Denn in intakteren Systemen können größere Pflanzenfresser über Konkurrenzverhältnisse sowie durch ihre Habitatgestaltung und Prädatoren über ihr Jagdverhalten kleinere Pflanzenfresser und damit indirekt auch Vegetation, Strukturen und die Biodiversität beeinflussen (https://doi.org/10.1002/ecm.1598; https://doi.org/10.1098/rspb.2023.1377).

Welche Pflanzenfresser, welches Management?

Damit wird deutlich: Im Hinblick auf die Biodiversität ist die wesentliche Frage für beide Konzepte nicht „Beweidung oder keine Beweidung“ – sondern vielmehr „Welche Pflanzenfresser, unter welchem Management und in welcher Kombination?“ Diese Überlegungen bilden auch die Grundlage des konzeptionellen Rahmens „Grazing and Biodiversity“, der von Naturnahe Weidelandschaften e. V. nach dem Stand der Wissenschaft und der Evidenz im Feld entwickelt und im Mai 2026 auf der IYRP-Website veröffentlicht wurde (https://iyrp.info/sites/default/files/2026-04/MarkusHandschuhNWL_Grazing_Biodiversity_Framework.pdf; https://iyrp.info/sites/default/files/2026-04/MarkusHandschuhNWL_Grazing_Biodiversity_Framework.png). Der Rahmen beschreibt Biodiversitätswirkungen als Ergebnis des Zusammenspiels von Weidetierart, Weidemanagement und Umweltkontext. Er verdeutlicht, dass weder die Tierart noch das Management allein über den Erfolg einer Beweidung entscheiden, sondern deren Zusammenspiel. Jede Weidetierart kann negative ökologische Wirkungen entfalten, wenn sie nicht zum Standort und Management passt; umgekehrt werden ihre Potenziale erst durch geeignete Managementformen unter den jeweiligen Umweltbedingungen positiv wirksam. Die zentrale Botschaft sowohl für das Hirtentum als auch für das Rewilding lautet daher: Biodiversität entsteht nicht automatisch, sondern durch passende Kombinationen von Tierarten, Management und Landschaft.

Verlust funktioneller Vielfalt als gemeinsame Herausforderung

Ein weiterer Gedanke der Diskussion betrifft den weltweiten Verlust großer Pflanzenfresser und damit funktioneller Vielfalt als gemeinsame Herausforderung für beide Konzepte. Aktuelle Studien zeigen, dass viele Ökosysteme nicht nur ihre Prädatoren verloren haben, sondern auch einen erheblichen Teil ihrer ursprünglichen Herbivorenvielfalt und Biomasse (https://doi.org/10.1038/s41467-025-63888-z; https://doi.org/10.1111/geb.13723; https://doi.org/10.1073/pnas.1502540113; https://doi.org/10.1017/ext.2024.4).

Daraus ergibt sich eine Schlüsselfrage für beide Bewegungen: Welche ökologischen Folgen hat die Vereinfachung von Herbivorengemeinschaften – und wie können Hirtentum, Rewilding sowie ihre Kombination dazu beitragen, funktionelle Vielfalt und damit die Widerstandskraft von Ökosystemen als Grundlage der menschlichen Zivilisation (https://doi.org/10.1098/rstb.2021.0378; https://doi.org/10.3389/fcosc.2021.659912) zu stärken? Aus dieser Frage ergeben sich auch Synergien: Hirtinnen und Hirten verfügen über Generationen praktischer Erfahrung im Umgang mit Weidetieren, saisonalen Wanderungen, Futterdynamiken und Landschaften. Rewilding bringt Erkenntnisse zu trophischen Wechselwirkungen und Netzwerken, funktioneller Vielfalt und zur Bedeutung möglichst vollständiger Tier- und Pflanzengemeinschaften ein.

Besonders relevant sind in diesem Zusammenhang aktuelle Forschungen zu ökologischen Referenzzuständen (engl.: ecological baselines). Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass Europa vor historischen menschlichen Eingriffen nicht oder allenfalls lokal von geschlossenen Wäldern geprägt war. Vielmehr dominierte ein dynamisches Mosaik aus lichteren und dichteren Wäldern, Offenflächen und halboffenen Lebensräumen, die wesentlich durch große Pflanzenfresser mitgestaltet wurden (https://doi.org/10.1111/1365-2664.14047; https://doi.org/10.1126/sciadv.adi9135; https://doi.org/10.1016/j.hisbio.2025.100022; https://doi.org/10.1016/j.biocon.2026.111749; https://doi.org/10.1111/geb.70020).

Der Stand der Wissenschaft verbindet daher Hirtentum und Rewilding überraschend stark: Viele heimische – und heute oft gefährdete – Tier- und Pflanzenarten sind an genau solche strukturreichen Landschaften angepasst (https://doi.org/10.1038/s41477-025-01981-3; https://doi.org/10.1111/1365-2745.14422), und sowohl extensive Weidesysteme bzw. Hirtentum als auch Rewilding können dazu beitragen, solche Bedingungen wiederherzustellen oder zu erhalten. Dadurch verbindet beide Konzepte auch ein gemeinsames Ziel: Beide können einen wesentlichen Beitrag zur Erhaltung naturnaher, extensiver Weidesysteme, zur Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme, zur Förderung der Biodiversität – und damit zur Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen – leisten.

Was beide Seiten voneinander lernen können

Der aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisstand zeigt, dass die eigentliche Trennlinie nicht zwischen Hirtentum und Rewilding verläuft. Vielmehr unterstreicht die aktuelle Forschung für Hirtinnen und Hirten die ökologische Bedeutung traditioneller Weidekenntnisse, vielfältiger Weidetiergemeinschaften, saisonaler Wanderungen und angepasster Besatzdichten. Für Rewilding-Akteure verdeutlicht die Forschung, dass die Wiederherstellung ökologischer Prozesse nicht allein darin bestehen kann, Flächen aus der Nutzung zu nehmen, Tiere auszusetzen und anschließend abzuwarten; vielmehr bedarf auch das Rewilding eines Verständnisses von Weidesystemen, Tierverhalten, Grünlanddynamiken und deren Interaktion mit der Landschaft.

Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass beide Konzepte eine zentrale Rolle bei der Förderung intakter Landschaften, funktionierender Ökosysteme und der biologischen Vielfalt spielen (https://doi.org/10.1093/biosci/biaf158; https://iyrp.info/working-groups; https://doi.org/10.1016/j.oneear.2020.11.014), aber problematische Auswirkungen haben können. Dies gilt sowohl für schlecht konzipierte oder ideologisch geprägte Rewilding-Initiativen als auch für ungeeignete Formen des Pastoralismus. Weltweit sind erhebliche ökologische Schäden bekannt, die mit Überweidung, ökonomisch motivierter Intensivierung und Gewinnmaximierung, Entwaldung, der Einführung ungeeigneter, häufig nicht heimischer Nutztiere in Ökosysteme sowie der Verdrängung oder Ausrottung heimischer Wildtierbestände verbunden sind. Die Auswirkungen beider Konzepte hängen nicht zuletzt vom jeweiligen ökologischen und gesellschaftlichen Kontext, der räumlichen Dimension, der historischen Entwicklung sowie von der konkreten Ausgestaltung ab.

Jenseits des Gegensatzes von Hirtentum und Rewilding

Letztlich beruhen beide Ansätze darauf, dass große Pflanzenfresser Vegetation konsumieren und dadurch wichtige ökologische Prozesse anstoßen und aufrechterhalten. Damit beschäftigen sich Hirtentum und Rewilding im Kern mit denselben Fragen: Wie funktionieren von Pflanzenfressern geprägte Ökosysteme? Welche Tiergemeinschaften sind ökologisch wirksam und nachhaltig? Und wie können Biodiversität, Landschaftsentwicklung und menschliche Nutzung zusammengedacht werden? Gerade deshalb erscheint eine Debatte über Hirtentum oder Rewilding wenig zielführend, zumal Auseinandersetzungen oft weniger durch Ökologie als durch unterschiedliche Werte, Narrative und Identitäten geprägt sind (https://doi.org/10.1111/area.12810). Daher sollte nicht die Frage im Mittelpunkt stehen, welcher Ansatz „der richtige“ oder „besser“ ist, sondern die produktivere Frage: Wie können Hirtentum und Rewilding gemeinsam dazu beitragen, großherbivorengetriebene Prozesse wiederherzustellen und zu erhalten, auf denen Biodiversität, funktionierende Ökosysteme und intakte Landschaften beruhen?

Aus Sicht von Naturnahe Weidelandschaften e. V. liegt die Zukunft daher nicht in der Gegenüberstellung von Hirtentum und Rewilding, sondern in einem besseren Verständnis ihrer Gemeinsamkeiten. Große Pflanzenfresser bilden den ökologischen Schlüssel und den zentralen gemeinsamen Nenner beider Ansätze. Die Frage ist nicht, ob sie Teil unserer Landschaften sein sollen, sondern wie ihre Potenziale für Biodiversität, Ökosystemfunktionen und menschliches Wohlergehen bestmöglich genutzt werden können. Naturnahe Weidelandschaften e. V. sieht hier eine der spannendsten Zukunftsaufgaben für Naturschutz, Landschaftspflege und Ökosystemwiederherstellung.

Naturnahe Weidelandschaften e. V., 14.06.2026

Dorfweide Mera bei Cluj, Rumänien (Foto: Herbert Nickel)
Dorfweide Mera bei Cluj, Rumänien (Foto: Herbert Nickel)