Fachexkursion in die Döberitzer Heide

Rund 30 Mitglieder des Vereins Naturnahe Weidelandschaften e. V. (NWL) gewannen im Rahmen einer Fachexkursion in Zusammenarbeit mit der Heinz Sielmann Stiftung und dem Naturschutz-Förderverein Döberitzer Heide e. V. exklusive Einblicke in die einzigartige Weidelandschaft der Döberitzer Heide in Brandenburg.

23.07.2026 - 25.07.2026

Zu Beginn standen am Donnerstag abendliche Einführungsvorträge mit lebendigen Frage- und Diskussions­runden und geselligem Beisammensein. Zunächst stellte uns Max Jung, Geschäftsführer des Naturschutz-Fördervereins Döberitzer Heide e. V., das Gebiet und das Weidemanagement vor. Anschließend erläuterte Markus Handschuh, Geschäftsführer von NWL, die Schlüsselrolle naturnaher Beweidung für die Biodiversität. Die Döberitzer Heide veranschaulicht in besonderer Weise zentrale Prinzipien naturnaher Beweidung: große zusammenhängende Weideflächen, ein breites Spektrum unterschiedlicher Lebensräume und eine funktionell vielfältige Gemeinschaft großer Pflanzenfresser in geringer Besatzdichte. Fraß, Tritt, Dung, Samenausbreitung und Nährstoffumlagerung wirken dabei nicht nur auf die Vegetation, sondern schaffen und erhalten ein räumlich und zeitlich dynamisches Mosaik unterschiedlichster Lebensraumstrukturen.

Am Freitag führten uns Max Jung, Jochen Paleit, Vorstandsvorsitzender der Heinz Sielmann Stiftung (HSS) und Gründungsmitglied von NWL, sowie Markus Handschuh im Rahmen einer ganztägigen Exkursion durchs Gebiet: Vom Naturerlebniszentrum aus ging es durch sandige Magerrasen und Heiden in die Niedermoorlandschaft des Ferbitzer Bruchs, vorbei an der zentralen sandigen Offenfläche, der sogenannten „Wüste“, und entlang beweidungsgeprägter lichter Wälder der Kernzone zurück zum Besucherzentrum.

Neben der schieren Größe der zusammenhängenden Naturlandschaft vor den Toren Berlins (ca. 3.700 ha) ist insbesondere das weitgehend komplette Spektrum hier heute zu erwartender großer Pflanzenfresser, bestehend aus noch großflächig freilebenden Rothirschen, zusammen mit Wisenten (> 140) und Przewalski-Pferden (ca. 2 Dutzend) in der rund 1900 ha großen Kernzone, ein Alleinstellungsmerkmal. Die Kernzone ist formalrechtlich zwar als Tiergehege genehmigt, aufgrund ihrer Größe können jedoch natürliche Prozesse weitgehend unbeeinflusst ablaufen. Naturschutzfachlich besonders bedeutsam ist dabei nicht allein die Gesamtzahl großer Pflanzenfresser, sondern ihre funktionelle Unterschiedlichkeit: Verschiedene große Pflanzenfresser unterscheiden sich in Nahrungswahl, Fraßverhalten, Raumnutzung und Störungswirkung und erzeugen dadurch ein breiteres Spektrum ökologischer Wirkungen als dies bei einer funktionell einseitigen Beweidung der Fall wäre. Auch außerhalb der Kernzone wird ganzjährig beweidet, vor allem mit robusten Rindern (Galloway, British Longhorn) und Sorraia-Pferden, einer seltenen alten Pferderasse von der iberischen Halbinsel.

Bemerkenswert ist das gute Brutvorkommen des deutschlandweit vom Aussterben bedrohten Steinschmätzers im Gebiet. Entscheidend für sein Vorkommen ist die unmittelbare Nachbarschaft von geeigneten Bruthöhlen in Steinhaufen und in einstigen militärischen Einrichtungen sowie geeigneten Nahrungsflächen in den von großen Weidetieren und Wildschweinen lückig gehaltenen Sandrasen mit einem hohen Anteil an offenen Bodenstellen. Neben Steinschmätzern konnten wir trotz der bereits zu Ende gehenden Brutzeit auch weitere Charakterarten des Gebiets beobachten, darunter Wiedehopf, Schwarzkehlchen, Heidelerche und Neuntöter. Auch Steppenarten wie die in Brandenburg verbreitete xerothermophile Italienische Schönschrecke (Calliptamus italicus) konnten bis direkt an den Rand der Niederung beobachtet werden.

Im durch Entwässerung und Austrocknung beeinträchtigten Ferbitzer Bruch wurden umfangreiche Maßnahmen zur Verbesserung des Wasserrückhalts ergriffen, müssen aber erst noch Wirkung entfalten, was durch den Klimawandel zunehmend erschwert wird. Durch Torfzersetzung zeigen sich viele Flächen sehr wüchsig, umso wichtiger ist das ganzjährige Wirken großer Pflanzenfresser zum Erhalt und zur Förderung der Arten- und Strukturvielfalt.

Sehr aufschlussreich war es, im Ferbitzer Bruch auf vergleichbarem Standort nebeneinander liegende, beweidete oder gemähte Pfeifengraswiesen (FFH-Lebensraumtyp 6410) zu vergleichen. Die beweidete Fläche wurde 2018 aus einer verschilften artenarmen Feuchtbrache nach einmaliger Mahd wieder in Beweidung genommen. Die gemähte Fläche wurde 2005 aus einer Schilfbrache entwickelt und wird seither jährlich einmal gemäht und im Herbst nachbeweidet. Unter der ganzjährigen Beweidung seit 2018 entstand eine struktur- und artenreiche Pfeifengraswiese mit regelmäßigem Vorkommen der typischen Kennarten Färberscharte (Serratula tinctoria), Weidenblättriger Alant (Inula salicina) und Teufelsabbiss (Succisa pratensis). Anders als in der angrenzenden gemähten Ausprägung waren auf der beweideten Pfeifengraswiese flügge Braunkehlchen offenbar nahe ihres Nistplatzes zu beobachten: vereinzelte niedrigwüchsige junge Gehölze und überständige Stauden wie Sumpfkratzdistel (Cirsium palustre) und Arznei-Baldrian (Valeriana officinalis agg.) kennzeichnen das Brutrevier. Dieses Beispiel verdeutlichte einen grundlegenden Unterschied zwischen Beweidung und der stärker vereinheitlichenden Mahd: Große Weidegänger erzeugen durch Fraß und Tritt ein feinkörniges Mosaik aus kurzer und höherwüchsiger Vegetation, überständigen Stauden und kleinflächigen Störstellen – und alle Strukturen sind zur gleichen Zeit auf derselben Fläche vorhanden. Die dadurch entstehende Mosaikstruktur bildet zu jedem Zeitpunkt einen breiten Störungs- und Strukturgradienten ab und kann daher Arten mit sehr unterschiedlichen und teilweise gegensätzlichen Lebensraumansprüchen gleichzeitig und auf engstem Raum geeignete Bedingungen bieten. Bei der Mahd fehlt dieser entscheidende Vorteil: Sie wirkt vereinheitlichend, weil die Vegetation zunächst ungehindert und unstrukturiert aufwächst, anschließend aber schlagartig flächendeckend entfernt und dabei auch die Bodenoberfläche nivelliert wird. Aus diesem Grund ist bei der Mahd – im Gegensatz zur ganzjährigen Beweidung – keine feinkörnige Mosaikstruktur und keine Konstanz von Lebensraumstrukturen möglich.

Eindrucksvoll waren auch der Blick vom Aussichtspunkt „Wüste“ auf Wisente und Przewalski-Pferde bei Brunch und kühlen Getränken sowie der anschließende Rückweg entlang der Kernzone zum Besucherzentrum. An einem Standort mit freiem Blick in die von großen Tieren gestaltete Kernzone und den direkt benachbart auf der anderen Wegseite liegenden unbeweideten Wald erläuterte Markus Handschuh die Bedeutung großer Pflanzenfresser und ganzjähriger extensiver Beweidung für die natürliche Feuerprävention: Durch ihre Aktivitäten – allesamt Jahrmillionen alte natürliche Prozesse – reduzieren und strukturieren große Weidegänger die brennbare Biomasse und Vegetation so, dass sich Feuer im Brandfall eher nur kleinräumig statt schnell flächig ausbreiten bzw. sich die Flammen in der heterogenen, beweidungsgeprägten Vegetationsstruktur „totlaufen“ können; Ungehindert aufgewachsener Wald dagegen akkumuliert so viel brennbare Biomasse, dass sich Feuer großflächig ausbreiten und dadurch kaum kontrollierbar werden können. Die zahlreichen aktuellen Brände und Feuersbrünste – auch in Nationalparken – zeigen, wie wichtig es ist, große Pflanzenfresser wieder konsequent ins Ökosystemmanagement zu integrieren.

Am Abend nach der Tagesexkursion erläuterte Dr. Hannes Petrischak, Leiter des Geschäftsbereichs Sielmanns Naturlandschaften & Naturerlebnis, im Rahmen eines informativen Vortrags die Vorkommen und Entwicklungen kennzeichnender Arten und Lebensräume der Döberitzer Heide.

Der zweite Exkursionstag führte die Gruppe in die Hasenheide am Nordostrand der Döberitzer Heide, wo wir unter der Leitung von Jörg Fürstenow, Mitarbeiter Ökologisches Monitoring & Landschaftspflegemanagement der HSS, eine großflächige Standweide erleben konnten. Erst seit dem aktuellen Jahr wurde von vorwiegend Schafkoppelbeweidung auf eine ganzjährige Mischbeweidung mit Rindern (Galloways) und Pferden (Island- und Konikpferde) umgestellt. Zum Exkurisonszeitpunkt, im ersten Jahr und wenige Monate nach der Umstellung, präsentiert sich die sandige Magerweide verbreitet noch relativ krautarm mit teils ausgedehnten Landreitgras-Herden. Aufgrund des unselektiven Fraßverhaltens der Rinder und Pferde wird erwartet, dass sich der Kräuter- und Blütenreichtum sowie die bodennahe Strukturausstattung mittelfristig deutlich erhöhen werden.

Eine Besonderheit der Hasenheide sind die sehr schütter bewachsenen Silbergrasfluren und Karbonat-Sandrasen auf den Dünen am Rand der Kernzone (FFH-Lebensraumtypen 2330, 6120). Als typische Arten der karbonatischen Sandrasen waren Sand-Strohblume (Helichrysum arenarium) und Ohrlöffel-Leimkraut (Silene otites) zu beobachten. Für die offenen Dünensande ist das hier verbreitet vorkommende Sand-Straußgras (Agrostis vinealis) kennzeichnend. Auch temporär vernässte und Wasser führende sandige Tümpel und Fahrspuren bieten gefährdeten Pionierarten feuchter Offensandböden wie dem Sumpf-Quendel (Peplis portula), dem Niederliegenden Johanniskraut (Hypericum humifusum) und der Zwiebel-Binse (Juncus bulbosus) geeignete Wuchsorte und werden im Gebiet vor allem als Lebensraum für „Urzeitkrebse“ gezielt durch Befahrung mit schwerem Gerät angelegt.

Insgesamt verdeutlichten die beiden Exkursionstage eindrucksvoll das Potenzial naturnaher Beweidung mit großen Pflanzenfressern zur Erhaltung und Förderung strukturreicher Lebensräume und der daran gebundenen Biodiversität.

Koniks und Exkursionsteilnehmer - Foto: K. Weber