Das Feldbergmassiv ist mit über 4.000 ha Fläche das größte Naturschutzgebiet Baden-Württembergs. Auf zwei benachbarten, jeweils rund 50 Hektar großen, oft steilen, unwegsamen und klimatisch extremen Flächen wurde eine ausschließlich an Naturschutzzielen ausgerichtete Mischbeweidung mit robusten Hinterwälder Rindern und Islandpferden etabliert.
08.08.2026
Schwerpunkt der Exkursion am 08. August 2026 war die Naturschutzbeweidung am Feldberg. Das Feldbergmassiv ist mit über 4.000 ha Fläche das größte Naturschutzgebiet Baden-Württembergs und zugleich als EU-Vogelschutz- und als FFH-Gebiet im Rahmen des europäischen Schutzgebietsnetzes NATURA 2000 geschützt.
Auf zwei benachbarten, jeweils rund 50 Hektar großen, oft steilen, unwegsamen und klimatisch extremen Flächen wurde eine ausschließlich an Naturschutzzielen ausgerichtete Mischbeweidung mit robusten Hinterwälder Rindern und Islandpferden etabliert. Die Beweidung befindet sich aktuell im ersten bzw. im zweiten Jahr. Auf beiden Weideflächen steht nicht die Optimierung von Futterertrag oder Logistik im Vordergrund, sondern die Entwicklung von Lebensraumstrukturen und die Förderung von Schutzgütern durch große Tiere. In den Naturschutzweiden werden unter anderem fünf in Baden-Württemberg vom Aussterben bedrohte Vogelarten gefördert, darunter die derzeit landesweit letzten 1–2 Brutpaare Bergpieper, ferner Wiesenpieper, Auerhuhn, Ringdrossel und Zitronenzeisig, daneben weitere Zielarten des Vogelschutzgebiets Südschwarzwald sowie unterschiedliche seltene oder gefährdete Pflanzenarten und ein vielfältiges Portfolio an Biotop- bzw. FFH-Lebensraumtypen.
Zur Maximierung ihres Nutzens für den Arten-, Natur- und Umweltschutz erfüllt die Beweidung wesentliche Merkmale von Naturnähe und Biodiversitätsnutzen: Großflächigkeit, Einbeziehung aller Habitate, Landschaftselemente und Kleinstrukturen (Wald, Offenland, Biotope, Gewässer), Mischbeweidung mit großen, robusten und funktionell unterschiedlichen Grasfressern, geringe Besatzdichten und eine möglichst lange, lediglich durch die hohe winterliche Schneelage begrenzte Weidedauer. Die Naturschutzbeweidung folgt dem Grundsatz „Weidedauer vor Besatz“: Nicht eine hohe kurzfristige Beweidungsintensität durch Unterteilung der Weideflächen in Einzelkoppeln, sondern die lange Präsenz weniger Tiere auf der gesamten Weidefläche ermöglicht die Wiederbelebung ökologischer Störungsprozesse und eine räumlich wie zeitlich differenzierte Nutzung durch die großen Pflanzenfresser. Die Beweidung wird damit nicht nur als landwirtschaftliche Nutzung verstanden, sondern auch als ökologischer Schlüsselprozess, der sowohl Lebensräume und Lebensgemeinschaften vom Insekt bis zum Vogel als auch durch bestimmte Pflanzenartenzusammensetzungen geprägte FFH-Lebensraumtypen wiederherstellt oder erhält. Entscheidend ist allerdings nicht, auf der gesamten Fläche einen bestimmten starren Vegetationszustand herzustellen, sondern den großen Weidegängern ausreichend Raum und Zeit zu geben, durch ihre natürlichen Verhaltensweisen eine vielfältige und dynamische Lebensraumstruktur einschließlich Biotop- bzw. FFH-Lebensraumtypen zu schaffen bzw. wiederherzustellen und langfristig zu erhalten.
In den Naturschutzweideflächen brechen Fraß, Tritt, Dung, Samenausbreitung und Nährstoffumlagerungen Gras- oder Heidedominanz auf und schaffen breite Übergangszonen mit allen erdenklichen Zwischenstadien zwischen dichtem Wald und gehölzfreiem Offenland sowie eine hohe Heterogenität und ein kleinräumiges Mosaik unterschiedlicher Vegetations- und Biotopstrukturen. Angestoßen durch die weidetier-induzierten natürlichen Prozesse entwickelt sich auf beiden Naturschutzweiden bereits jetzt, weniger als ein bzw. zwei Jahre nach ihrer Etablierung, die erwünschte volle Breite des ökologischen Störungsgradienten – von intensiv genutzten Tritt-, Fraß- und Offenbodenstellen über kurzrasige und höherwüchsige Vegetation bis hin zu kaum von den Tieren begangenen Bereichen. Dadurch entsteht eine so hohe räumliche Vielfalt bei gleichzeitig langsamer Dynamik und hoher zeitlicher Kontinuität von Vegetation, Strukturen und ökologischen Nischen, wie sie durch andere Nutzungsarten kaum herzustellen wäre. Insgesamt werden durch die Naturschutzbeweidung ökologische Ressourcen, Prozesse und Dynamik wiederhergestellt, die von fundamentaler Bedeutung sind für funktionierende Ökosysteme, aber durch das weitgehende Fehlen großer Tiere in unserer Landschaft großteils verlorengegangen sind. Gerade die sehr kleinräumige und konstant hohe strukturelle Vielfalt fördert eine hohe Artenvielfalt, und ermöglicht auf den Naturschutzweideflächen ein gleichzeitiges Vorkommen von Arten mit unterschiedlichsten, teils gegensätzlichen Lebensraumansprüchen, von Generalisten bis hin zu gefährdeten Spezialisten mit enger ökologischer Nische. Zu den Spezialisten gehören unter anderem der Zitronenzeisig und die Alpine Gebirgsschrecke (Foto 1).
Für den Zitronenzeisig stellen das Feldberg- und Belchenmassiv aktuell das letzte Refugium in Baden-Württemberg dar. Das Weltareal dieser Bergvogelart ist auf wenige Gebirgsstöcke Mittel- und Südwesteuropas beschränkt. Damit ist der Zitronenzeisig einer der wenigen echten europäischen Endemiten unter den heimischen Vögeln. Dies macht ihn zur sogenannten Verantwortungsart, d. h. die wenigen Länder mit Vorkommen der Art haben eine besondere Verantwortlichkeit für ihren Schutz. Aufgrund seiner Lebensraumansprüche – großflächige, magere, blütenreiche halboffene Berglagen – ist der Zitronenzeisig außerdem eine sogenannte Schirmart, d. h. eine Art, deren Schutz zugleich zahlreichen weiteren Tier- und Pflanzenarten zugutekommt. Nach historischen starken Bestandsrückgängen besiedelte der Zitronenzeisig noch um 1985 mit rund 800 Paaren den gesamten Schwarzwald. 35 Jahre später, um 2020, war der Bestand auf rund 20 Paare an Feldberg und Belchen zusammengebrochen. Im Jahr 2022 wurde daher unter der Schirmherrschaft des Regierungspräsidiums Freiburg das „Rettungsprogramm Zitronenzeisig“ initiiert. Die Naturschutzbeweidung am Feldberg ist ein wichtiger Projektbestandteil. In den Weideflächen sollen sowohl optimale Brutstrukturen als auch Nahrungsflächen für den Zitronenzeisig wiederhergestellt werden – und bereits jetzt brütet die Art in den Naturschutzweiden und nutzt diese regelmäßig zur Nahrungssuche.
Die flugunfähige, in Baden-Württemberg stark gefährdete Alpine Gebirgsschrecke (Miramella alpina) (Foto 1) kommt in Deutschland nur in den Alpen, im Alpenvorland und im Schwarzwald vor. Die Vorkommen im Schwarzwald sind seit über 10.000 Jahren isolierte Eiszeitrelikte, für deren Schutz Baden-Württemberg eine besondere Verantwortung trägt. Aufgrund ihrer geringen Mobilität ist die Alpine Gebirgsschrecke auf gut vernetzte, strukturreiche (halb-)offene Lebensräume angewiesen – wie sie besonders durch naturnahe Beweidung geschaffen und erhalten werden. Auf den beiden Naturschutzweiden am Feldberg ist die Art daher regelmäßig zu finden.
Im Rahmen der Exkursion mit 25 Teilnehmenden, vorwiegend aus Baden-Württemberg und Bayern, wurden zahlreiche Aspekte der Naturschutzbeweidung sowie der Beweidung per se intensiv diskutiert, z. B. ökologische Referenzen, Nutzungsgeschichte, Weidetierarten, Vegetation und Strukturen und nicht zuletzt Finanzierungsmöglichkeiten sowie die Bedeutung einer guten Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten aus Planung, Genehmigung und Umsetzung. Des Weiteren wurde erörtert, welche Formen naturnahe Beweidung je nach Flächengröße und Zielsetzung annehmen kann und nicht zuletzt, inwiefern sie eine Brücke zwischen Naturschutz und Nutzung bilden und als zukunftsweisende Strategie insgesamt gestärkt und bei Behörden wie in der Gesellschaft stärker verankert werden kann.
Fotos: Alisa Klamm